Der Begriff Burn-out wurde in letzter Zeit stark strapaziert. Wann spricht man denn von einem Burn-out und wann von einer eher kurzfristigen Überlastung?

Neuzerling: Beim Burn-out treffen körperliche und seelische Störungen aufeinander, sodass dadurch ein typisches Bild entsteht. Hier spielen der Verlust der Leistungsfähigkeit und die emotionale Erschöpfung eine große Rolle und sind die vordergründigen Symptome des Burn-out-Syndroms, im deutschen auch bekannt als Chronisches Erschöpfungssyndrom. Zu Beginn einer Burn-out-Erkrankung stehen meistens Phasen, in denen man seine ganze persönliche Kraft dazu aufwendet, ein – in der Regel berufliches Ziel zu erreichen. Für diesen kraftvollen Weg werden enorme Anstrengungen in Kauf genommen. Sein ganzes Leben wird auf dieses Ziel ausgerichtet. Es werden zahllose Überstunden geleistet, Erholungs- und Entspannungsphasen werden vernachlässigt.

Welche konkreten Symptome sind charakteristisch für ein Burn-out?
Neuzerling: Die Symptome eines Burn-outs sind sehr vielfältig. Zusammenfassend handelt es sich dabei um einen Zustand körperlicher, geistiger und emotionaler Erschöpfung. Von Burn-out wird dann ausgegangen, wenn verschiedene Symptome aus den drei folgenden Bereichen über einen längeren Zeitraum auftreten. Bei den körperlichen Symptomen sind die wichtigsten Schlafstörungen, chronische Müdigkeit und Magenschmerzen. Wichtige Hinweise auf geistige Erschöpfung sind eine negative Einstellung gegenüber Kollegen, Freunden, Familienangehörigen, sich selbst, zur Arbeit und anderen Menschen sowie Gleichgültigkeit. Und die emotionale Erschöpfung ist erkennbar an Niedergeschlagenheit, Reizbarkeit, Nervosität und einem Gefühl der Überforderung.

Sie sind ja Psychologischer Berater. Was berichten die Betroffenen in Ihrer Sprechstunde?
Neuzerling: In der Regel berichten die Betroffenen über die gerade genannten Symptome. Meine Klienten sind oft hilflos, sie befinden sich quasi auf einer Autobahnfahrt und wissen für sich selbst noch nicht, wo sie abfahren sollen. Viele sind in eine Zwickmühle zwischen Karriere, Familie, Beziehung, Finanzen und ihrer eigenen Gesundheit geraten. Dabei ist jeder mit seinem Verlauf und seinem Problem anders einzustufen. Wichtig ist bei dieser Erkrankung die Vorsorge, damit von Fachleuten und Ärzten rechtzeitig Hilfe kommen kann. Ich appelliere deshalb an die Arbeitgeber und alle Führungskräfte, auf ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu achten und sich verstärkt mit ihren Abteilungen und den Arbeitszeiten auseinanderzusetzen.

Was ist die wichtigste Ursache?
Neuzerling: 90 Prozent aller betroffenen Klienten fühlen sich von ihrem Vorgesetzten nicht unterstützt und fallen in ein emotionales Tief. Sie melden sich krank, sind demotiviert und suchen ihre Arbeitsstelle nicht mehr gerne auf. Wie furchtbar! Im Unternehmen erhöhen sich dadurch massiv die Krankenstände und der Arbeitgeber macht sich berechtigt Gedanken über die Personalkosten und bearbeitet eine Excel-Tabelle nach der anderen – aber am Ende ändert sich nichts. Es reicht heutzutage nicht mehr aus, ein Betriebsfest zu veranstalten. Mitarbeiter möchten unterstützt, angehört und angemessen bezahlt werden. Wir brauchen uns in der heutigen Gesellschaft nicht zu wundern, wenn keine Bewerbungen mehr ins Haus flattern.

Kommt so eine Krise plötzlich oder schleichend? Gibt es Warnsignale?
Neuzerling: Es fängt meist schleichend an. Es kommt ein Zeitpunkt, an dem die eigene Batterie einfach leer ist. Zwar kommen Phasen, da tankt man wieder Energie, und es geht wieder ein wenig aufwärts. Mit jeder neuen Motivation vom Chef oder einem zu Ende gebrachten Projekt im Unternehmen kehrt die eigene Kraft zurück, aber leider nur vorübergehend. Warnsignale wie Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Magenschmerzen, Schwitzen und die chronische Müdigkeit sind bei anhaltenden Symptomen schon Warnsignale und sollten ärztlich abgeklärt werden.

Wenn Chefs solche Signale bei ihren Mitarbeitern beobachten, wann sollten sie das Gespräch suchen?
Neuzerling: Grundsätzlich sollten in jedem Unternehmen öfter Gespräche stattfinden. Auch das ist aus Zeit- und Personalmangel in vielen Unternehmen nicht mehr möglich, daher hat man als Führungskraft auch nicht die Chance, das konstruktive und ehrliche Gespräch mit dem Mitarbeiter zu suchen. Wenn ein verantwortlicher Vorgesetzter die von mir bereits angesprochenen Auffälligkeiten bei einem Mitarbeiter beobachtet, sollte umgehend das Gespräch terminiert werden. In meiner Praxis gehört diese Art von Gesprächen mit dem Arbeitgeber und Mitarbeiter zur Tagesordnung. Hier unterstütze ich gern von der fachlichen Seite. Die Erfolgschancen sind gut.

Was würden Sie als Berater einem Stressopfer empfehlen?
Neuzerling: Stress kennt viele Symptome. In jedem Fall sind die Zufriedenheit, die Leistungsfähigkeit und manchmal auch die Gesundheit gefährdet. Kennt und versteht man seine persönlichen Auslöser für Stress und setzt man mit der richtigen Strategie an der richtigen Stelle an, ist ein hoher Zugewinn an Arbeitsleistung und Lebensqualität möglich. Unser aktuelles Stressmanagement-Seminar sowie die Einzelsitzungen würde ich Stressopfern mit an die Hand geben. Auch hier sollten Arbeitgeber ihre Mitarbeiter und Führungskräfte langfristig unterstützen.

Ist Ihrer Ansicht nach das Gastgewerbe besonders betroffen, treten mehr Fälle auf als in anderen Branchen?
Neuzerling: Das kann man so pauschal nicht sagen, aber es ist nicht ganz unwahrscheinlich. Die meisten Dienstleistungsbranchen sind davon betroffen. Zum Beispiel die Polizei, Feuerwehr, Ärzte oder der Einzelhandel. Die fehlende Führungserfahrung vieler Manager führt unter Umständen viele ihrer Mitarbeiter in den Burn-out.

Wie sollte der Wiedereinstieg in den Arbeitsalltag aussehen?
Neuzerling: Wenn das Hamburger Modell mit stufenweiser Wiedereingliederung vom Unternehmen mit allen Regeln und Vorschriften eingehalten wird, sollte das schon eine gute Lösung darstellen. Auch hier ist es bei jedem unterschiedlich zu betrachten. Auch nicht jedes Unternehmen ist gleichwertig darzustellen.

Ist das Verständnis in der Gesellschaft für diese Erkrankung gewachsen?
Neuzerling: Es wird mittlerweile öfter in den Medien darüber gesprochen, aber es reicht noch nicht aus, um dieses Thema stärker in den Vordergrund zu stellen. Das Wort „Burn-out“ wird ja von vielen Menschen einfach auch genutzt, um etwa Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Nicht jeder hat einen Burn-out, der mal schlecht schläft oder eine verdammt harte Arbeitswoche hinter sich gebracht hat, hier muss man unterscheiden und bei Bedarf Fachleute hinzuziehen.

Quelle:
Interview: AHGZ (Allgemeine Hotel und Gaststättenzeitung) – Samstag, 17. Februar 2018 / von Bernhard Eck